Buir ist von Eschweiler aus gut zu erreichen. Mit dem Regionalexpress bis Düren und von dort zwei Stationen mit der S-Bahn. Vom Haltepunkt Buir bis zum Hambacher Forst sind es 15 Minuten zu Fuß.

Der Start am Eschweiler Bahnhof mit formaler Begrüßung und gemeinsamen Überlegen, welcher Tarif der günstigste ist, läuft nach dem Schema einer Eifelvereinstour ab. Nur dass die Führer Gunild und Rudolf die Teilnehmer beruhigen müssen, weicht von dem Schema ab: „Wir werden auf jeden Fall einen Spaziergang am Hambacher Wald machen, ob wir ihn betreten dürfen, kann sich leider kurzfristig ändern. Wir bleiben bei Michael Zobel. Er steht in engem Kontakt zur Polizei und hat die Veranstaltung angemeldet.

Baueme WLAN

Haben alle ihren Personalausweis dabei? Es kann sein, dass wir kontrolliert werden.“ Jeder der Teilnehmer hat die Bilder in den Medien gesehen, auf denen Polizisten mit Kränen und Hebebühnen Aktivisten aus den Bäumen holten.

Wir verlassen die S-Bahn in Buir mit über 20 anderen Fahrgästen, während zeitgleich über 200 Menschen mit der Bahn aus Köln ankommen. Buir! Hier steigen nicht einmal an Werktagen so viele Menschen aus, wenn alle Parkplätze von Pendlern belegt sind. Jetzt ist es kurz nach zehn an einem Sonntagmorgen. Gesprühte Pfeile mit dem Wort Hambi auf dem Pflaster und an Schildern weisen die Richtung zum Wald. Wir schließen uns dem Tross an, der langsam die Autobahn A4 – die wurde extra für den Tagebau verlegt – und dann die Gleise der Hambachbahn überquert – diese Investition muss erst wieder reingeholt werden.

Polizisten versperren den Weg. Sie winken einzelne Personen zur Seite und kontrollieren wortlos Rucksäcke, ohne dass klar wird, was sie suchen. Waffen? Seile? Klettergeschirr?

Die Bahn war pünktlich, wir sind zu früh am Startpunkt des Waldspaziergangs, der Mahnwache an der L257. Hier wird seit einigen Wochen rund um die Uhr daran erinnert, dass viele Bürger die Rodung des Hambacher Waldes ablehnen. Wir schauen uns um und lesen Transparente, die mal ernst mal humorvoll für den Erhalt des Waldes eintreten, der in Sichtweite hinter einem abgeernteten Acker beginnt. Am Rand der Mahnwache ist eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. Zig Kerzen erinnern daran, dass einer der Aktivisten während der Räumung der Baumhäuser ums Leben kam.

Michael Zobel wird freundlich begrüßt. Viele sind nicht zum ersten Mal hier. Der Waldspaziergang findet seit 2014 monatlich statt. Während es uns in der strahlenden Herbstsonne warm wird, warten wir auf weitere Teilnehmer, die aus Morschenich – dort ist der Verkehr zusammengebrochen und die Landstraße wurde gesperrt – und aus Richtung Buir herbeiströmen. Die Medien werden an diesem 30. September von 10.000 Teilnehmern berichten. Auf einem Kleintransporter wird eine mobile Lautsprecheranlage installiert und es müssen noch Ordner rekrutiert werden. So verlangt es das Versammlungsrecht.

Endlich verkündet Michael Zobel den Beginn der Veranstaltung und erklärt den Ablauf des Tages. „Wir werden in den Wald gehen. Der Weg ist mit den Behörden abgestimmt. Wer den Weg verlässt, gehört nicht mehr zur Versammlung.“

Unuebersehbare MengeAntje Grothus ergreift das Mikrofon und dankt für die breite Unterstützung. Sie sitzt in der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung der Bundesregierung, gemeinhin als Kohlekommission bezeichnet.

Dirk Jansen, Geschäftsleiter des BUND in NRW, beklagt sich, dass RWE und die Landesregierung in Düsseldorf nicht die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts in Münster, die für Anfang Oktober angekündigt ist, abwarten, sondern anscheinend möglichst schnell den Wald roden wollen.

Der bekannteste Förster Deutschlands Peter Wohlleben erinnert eindringlich daran, dass Bäume keine Möbelstücke sind. „Bäume sind Lebewesen. Sie sind sehr langsam. Es gibt sie seit 300.000.000 Jahren. Menschen gibt es seit 300.000 Jahren. Die Bäume merken gerade erst, dass es uns gibt.“

Wären da nicht die Fahnen und Transparente und würden nicht alle in die gleiche Richtung laufen, könnte der Demonstrationszug ohne aufzufallen jede Fußgängerzone einer deutschen Großstadt bevölkern. Da ist die Kopftuchträgerin, die einen Kinderwagen schiebt, die freundliche alte Dame: „Jetzt musste ich 76 Jahre alt werden, um an meiner ersten Demonstration teilzunehmen“, die junge Mutter, die ihr Baby vor dem Bauch trägt, der Vater mit zwei Kindern an den Händen, und der junge Erwachsene, der seinen Altersgenossen mit Stolz berichtet, wie er von der Polizei aus dem Baum „gepflückt“ wurde, und sich aufregt, dass er schon drei Platzverweise hat und die „Cops“ seinen Namen noch immer nicht richtig schreiben können. Die Designerjeans ist genauso vertreten wie die vom Discounter, Hightech-Rucksäcke wie Jute-Beutel.

Ruft ein einzelner Teilnehmer „Hambi“, wird ihm aus der Menge mit „Bleibt“ geantwortet. Im Wechsel geht es dann: „Hambi“, „Bleibt“, „Hambi, Hambi, Hambi“ „Bleibt, bleibt, bleibt.“ Polizisten flankieren den Weg mit dem Helm am Gürtel. In gleichmäßigem Abstand stehen Polizeifahrzeuge. Auf einer stark verschmutzten Heckscheibe haben Scherzbolde „Hambi bleibt!“ anstelle von „Wasch mich!“ geschrieben.

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An der Autobahnauffahrt auf die ehemalige A4 hält der Demonstrationszug für eine Zwischenkundgebung. Unsere kleine Gruppe ist seit fünf Stunden unterwegs und hat genug gesehen. Wir kehren um und wandern über den ehemaligen Autobahnzubringer unter den einzigartigen Stieleichen zurück. Wie in jedem Herbst beginnt das prächtige Farbspiel, mit dem sich der Wald in den Winter verabschiedet.

Eschweiler ist von Buir aus gut zu erreichen; zwei Stationen mit der S-Bahn bis Düren und von dort mit dem Regionalexpress.

Text: Rudolf Starosta

Fotos: Sandra Simberger